Archiv für den Tag: 10. Februar 2022

Silber-Lukas: Das sind seine Vorgänger

von Hans Obermair

Dienstag, 17. August 2021, Ebersberger Zeitung / Lokalteil

Turnen hat in der Marktgemeinde Glonn eine jahrhundertealte Tradi­tion – Blick ins Archiv

Ein Höhepunkt in der Geschichte Glonns: Silbermedaillengewin­ner Lukas Dauser besucht seine Heimat. Die Glonner Musi spielt den Olympioniken vom Haus der Eltern zum Marktplatz, wo ihn Bürgermeister Josef Oswald begrüßt und der Eintrag ins Goldene Buch des Marktes er­folgt. Diese mehr protokollarische Angelegenheit wird aber sicher überbo­ten von der Freude der Glonner über den Besuch Lukas Dausers, der schon drei Tage nach seinem Triumph in Tokio zu seinen Wurzeln zurück­findet. Er belegt dies damit, dass er offen bekennt „…immer wenn ich her­komme, fühle ich mich sofort heimisch“. Und wenn er weiter erinnert: „als Kind wurde ich angesprochen, ob ich der bin, der im Schwimmbad Wiesmühle die Saltos vom 3-Meter Sprungbrett macht!“, dann unterstreicht das ebenfalls seine Verbindung mit Glonn. Und so darf Glonn schon auch stolz darauf sein, Heimat eines so großartigen Sportlers zu sein.

Wer denkt bei einem solchen Anlass daran, dass das Turnen in Glonn in seinem „Turnverein“ schon seit 1884, also seit 137 Jahren, Tradition ist. In­itiator war der Lehrer Bartholomäus (Bartl) Nußhart. Er war aus Inning am Ammersee gebürtig und erst seit Juli 1883 in Glonn. Neben seinem Schul­dienst war er auch Organist in Frauenreuth. Das hieß, täglich vor Schulbe­ginn einen Fußmarsch zur Wallfahrtskirche und zurück. Vorübergehend muss Nußhart auch Schulleiter gewesen sein. Das bedeutete, auch den Gemeindeschreiberdienst zu versehen. Bürgermeister war damals der Christlmüller Johann Beham.

Wie es in einem Bericht von 1934, also zum 50-jährigen Bestehen, heißt, war es nicht leicht, den Anfang zu machen. Weiter ist vermerkt: Die „mit­reißende Persönlichkeit“ des jungen Lehrers sei es gewesen, die die Ju­gend für das Turnen begeisterte. Erster „Sportplatz“ war eine Wiese, dort wo der Kupferbach in die Glonn mündet und „Turnerheim“ war das Gast­haus Lanzenberger. Wie schnell sich die junge Gemeinschaft gefestigt hat, zeigt, dass bereits 1886 eine Fahne angeschafft werden konnte. Als Nuß­hart, wohl berufsbedingt, im gleichen Jahr Glonn verließ, war er nicht gleich zu ersetzen. Erst 1888 übernahm der Maler Peter Meßner den Vor­sitz. 1898 wurde der Turnplatz in die Nähe des Metzgeranwesens (Bredenhöller) verlegt. Dieses Anwesen gehörte zum „Neuwirt“. Und so war es ver­ständlich, dass die Turner mit dem Vereinslokal dorthin wechselten. 1929 erbaut man die Turnhalle des Vereins.

Statuten und eine „Turn-Ordnung“ zeugen vom Ordnungswillen des Ver­eins. Da heißt es zum Beispiel „Das Turnen von Zweien auf einem Geräthe ist nicht gestattet“, oder dass „Übungen, welche mit Gefahr verbunden sind, ohne Beisein anderer nicht versucht werden“.

Das Kassenbuch von 1901 -1921 und das Beitragsbuch von 1911 – 1922, das wieder gefunden und erst vor ein paar Jahren dem ASV übergeben wurde, gibt einen Einblick in die Tätigkeit des Vereins in diesen Jahren. Ne­ben dem Training gab es natürlich immer wieder Wettkämpfe und man beteiligte sich bei Gauturnfesten. Da gab es zum Beispiel für 1907 für die Glonner mehrere Preise.

Aber es wurde nicht nur geturnt, sondern auch Schwimmen gehört dazu und das Theaterspielen. Der alljährliche Turnerball war ein Höhepunkt des Glonner Faschings.

Die Liste der Vorstände zeigt, wie sehr der Verein im Glonner Bürgertum verankert war. Und trotzdem hatte der Verein auch seine Krisen. In einer Zeitung von 1907 steht zu lesen, „…. man habe den Verein wieder neu zu Leben erweckt“. Vielleicht hat der 1903 gegründete Athletenclub und der Radfahrverein von 1906 den Verein geschwächt. Anfang der Dreißigerjahre nahm man sogar die Sänger in die Reihen der Turner auf. Der Männerge­sangverein nannte sich nun „Sängerriege des Turnvereins“.

Einen Höhepunkt hatten die Glonner in den Jahren nach dem Ersten Welt­krieg. Der Erste Weltkrieg brachte, wie bei allen Vereinen, einen Einbruch, die meisten erwachsenen Glonner Turner waren ja im Krieg. Die Aufbruch­stimmung muss enorm gewesen sein. Das führte zu den Erfolgsjahren des Vereins: 1924 war die Fahnenweihe und dann die vielen sportlichen Erfol­ge, sowie 1929 der Bau der Turnhalle. Diese sportlichen Erfolge dürften zurückzuführen sein einmal auf die Vereinsführung und auf die Vereins­trainer. Diese waren für die Kinder und Jugendlichen Korbinian Beham, er war einer der besten Glonner Turner und Enkel des Gründungsbürger­meisters Johann Beham. Für die Erwachsenen war es Wolfgang Maier, er war der Sohn eines Glonner Postlers, des letzten Glonner Postillon in Glonn. Ein Zeitungsausschnitt mag dafür ein Beleg sein, wie viele Glonner damals aktive Turner waren. Den Mitgliedern nach gab es auch eine Ver­bindung zum Glonner Katholischen Gesellenverein (Kolping).

Die Aktivitäten der Turner scheinen Ende der Zwanzigerjahre abzuneh­men. Wie es heißt, wollen die Jungen Fußball spielen und die Alten nicht. Ein neuer Verein (Spiel und Sport) wurde gegründet. Die Machtergreifung der NSDAP ab 1933 verordnet die Gleichschaltung, das heißt die Mitwir­kung der Partei. Vorstand Maier erklärt dies 1934 der Versammlung. Die „graue Eminenz“ im Verein, Ludwig Maier (Bürgermeister von 1929-1933), ist damit nicht einverstanden und bewirkt einen Vorstandswechsel. August Knorr wird Vorstand. Auch die aufkommende Hitlerjugend mag das ihre beigetragen haben. Liest man die Zeitungsberichte, kommt man zu dem Schluss, dass der Turnverein nur mehr gesellschaftliche Funktionen aus­übt: Theaterspielen, Faschingsveranstaltungen und Versammlungen. Das geht so bis 1941, dann ist Stille. 1947 erfolgte dann die Zusammenlegung beider Sportvereine zum Allgemeinen Sportverein (ASV).

Dass sich nun ein Weltklasseturner von seine Wurzeln her zu Glonn be­kennt, könnte doch ein Anlass sein, die alte Glonner Turnertradition wie­der aufleben zu lassen. Turnen, ein Sport, der nicht auf Zweikampf ausge­richtet ist, sondern wo der Fähigste der Beste ist, passt doch in unsere Zeit. Ein Sport, der aber auch die Gemeinschaft fördert. Noch dazu in ei­nem Ort, dessen Vereinsleben von zwei großen Sportvereinen maßgeblich mit geprägt wird. Vor allem aber auch, weil man mit Lukas Dauser, ein so großes Vorbild hat. Quasi einen Paten, um den uns viele beneiden. Zudem hat unsere Marktgemeinde eine zweite Turnhalle in der Agenda. Aber auch die Glonner Bürger würden sich nicht „lumpen“ lassen. Also anpa­cken!

Hans Obermaier ist Heimatforscher. Er lebt in Glonn.

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Ein Dreh zum Wohlfühlen

von Hans Obermair

Mittwoch, 09. Juni 2021, Ebersberger Zeitung / Lokalteil

Vor 40 Jahren wurde in Glonn „Die Rumplhanni“ fürs Fernsehen aufgenommen

Überwiegend wird die „Rumplhanni“ als der bedeutendste Roman der Glonnerin Lena Christ gesehen. Das Werk hat das Leben ihrer Mutter, ergänzt mit eigenen Erlebnissen, zum Inhalt. Ursprüng­lich als Theaterstück gedacht, erschien der Roman 1916 und ist zeit­nah geschrieben.

Schlacht im Westen von Glonn ist ein bekannter Ort. Nicht nur weil man sich dort eine gemütliche Kaffeepause gönnen kann, sondern auch weil von Schlacht aus viele schöne Busreisen ihren Anfang neh­men. Kultureller Mittelpunkt ist auch heute noch die kleine Kirche in der Ortsmitte, von wo aus Kirchenpatron Martin über die Seinen wacht. Die Straße teilt nicht den Ort, sondern verbindet ihn. Der Ortsname erinnert nicht an ein Kriegsgeschehen, sondern an die Ro­dung, die vor über einem Jahrtausend begann, bei dem der Wald zu Gunsten der Besiedlung geschlagen oder „geschlachtet“ wurde. Ur­alte Hausnamen, die sich meist auf Vornamen beziehen, wie zum Beispiel der „Urber“ (Urban), lassen sogar den Schluss zu, dass sich hier eine Sippe angesiedelt haben könnte.

Dass man ausgerechnet hier und in der Umgebung den „ländlichen“ Teil der Verfilmung des Lena-Christ-Romans „Rumplhanni“ drehte, hat sicher seinen Grund darin, dass der Ort den gewünschten Dorf­charakter hatte. Mit dem denkmalgeschützten Urberhof hatte man auch die richtige Immobilie gefunden, wie sie eben der „Hauserbau­er“ aus dem Roman brauchte. Nicht nur das: In Glonn wurde Magda­lena Pichler, alias Lena Christ 1881 als „Hansschuastalenei“ geboren, im nahen Lindach, wo sie gerne beim „Wimmerbauern“ in der Som­merfrische waren, schrieb sie zu einem guten Teil ihre „Rumplhan­ni“. Dort und auf ihren Spaziergängen in der Umgebung erlebte sie Land und Leute, wie sie im Roman Vorkommen.

Wenn man sich mit dem Werk und Herkunft der Lena Christ etwas auskennt, wird man schnell zu dem Schluss kommen, dass in der „Rumplhanni“ vieles an das Leben ihrer Mutter, auch als Magdalena Pichler beim „Hansschuster“ in Glonn 1860 geboren, erinnert. Dass diese sich in verschiedenen „gehobenen“ Haushalten in München Arbeit suchte, es zur Köchin brachte und letztlich Wirtin wurde, diese Absicht kann durchaus, in ihrem Glonner Leben den Ursprung ha­ben.
Von 1862 bis 1876 wurden in Glonn sechs neue Gasthäuser eröffnet. Auch in Schlacht gab es einmal drei. Mögen diese Gründungen auch durch die Einführung des Preußischen Gewerberechtes, bei dem nicht mehr das „Bedürfnis“, wie im Bayerischen zu prüfen war, be­günstigt worden sein, aber über allen Gründungen stand sicher das Bestreben Wirt oder Wirtin zu sein. Man verdiente nicht nur mehr, sondern war auch „wer“ oder „mehr“ – man wusste mehr und hatte mehr Einfluss.
Man war selbst möglicherweise nicht mehr Dienstbote, sondern hat­te welche. Warum sollte sich das nicht alles auch auf den Lebens­plan der Mutter ausgewirkt haben. Dass diese in München, nicht wie dargestellt vom Schmied Karl Christ, sondern höchstwahrscheinlich von einem Rittmeister schwanger wurde, passt natürlich auch in die­sen „Glücksplan“ der natürlich nicht Eins zu Eins in die Rumplhanni übernommen ist, aber immer als Hintergrund spürbar ist.

Schlacht und Umgebung waren also nicht nur landschaftlich­architektonisch gesehen, sondern auch geschichtlich ein geeigneter Drehort. Auch die Schlachter und die Glonner standen einer „Rum­plhanni“ wesentlich näher, als zum Beispiel den „Buddenbrooks“ oder anderen Protagonisten. Wohl auch deswegen: Allein in der Ge­meinde Glonn gab es drei Anwesen mit dem Hausnamen „beim Rumpl“. Und so merkt man es auch im Film, das war das „ihre“.

Die „Rumplhanni“ weiß was sie will. Sie ist schlau, ehrgeizig und wenn es sein muss auch frech. Sie ist, wie es im Roman heißt, ein „saubers, molligs Frauenzimmer mit festen Armen, feisten Backen und kohl-schwarzen Haaren“. Obwohl sie ein „Barasoiflickabankert“ ist, verliert sie aber nie ihren Stolz und strotzt vor Selbstbewusstsein. Ihr Ziel: Etwas zu haben und „wer zu sein“.

Die Methoden, die sie dabei anwendet, sind zwar nicht immer vom Feinsten, aber die Hanni setzt sich durch. Diese Bauerndirn ist aller­dings keine für den Roman konstruierte Person. Sie war eine von vielen dieser Zeit, die oft mangels anderen Möglichkeiten bei den Bauern ihren Dienst taten, umso härter, als die Männer ins Feld zie­hen mussten.

Der Hintergrund für die Veränderung im Verhalten der Dienstboten war sicher auch die Entwicklung der letzten Jahrzehnte, wie die Ein­führung der Sozialversicherung, Veränderungen im Aufenthaltsrecht und die Industrialisierung. Dies alles setzt mehr Freizügigkeit in Gang. Man musste also nicht mehr ein Leben lang fleißig, brav, treu und willig beim gleichen Bauern „dienen“, damit man im Alter eine Bleibe hat, wie es die Jahrhunderte vorher war.

Die Filmarbeiten in Schlacht begannen am 6. März 1981 und setzten sich mit den Münchner Szenen bis in den August fort. Die Deutsche Erstausstrahlung war dann am 12. November 1981.

Kurz zur Handlung: Die Rumplhanni (Monika Baumgartner) ist beim Hauserbauern im Dienst. Als der Sohn des „Hausers“, Simon, 1914 in den Krieg ziehen muss, behauptet die Hanni, sie erwarte ein Kind von ihm. Ihr Ziel war, so oder so, einmal Hauserbäuerin zu werden. Der „amtierende“ Hauserbauer (Karl Obermayr) glaubt ihr nicht. Also überlistet sie den Senior in ihrer Kammer, um so ihr Ziel zu errei­chen. Der Schwangerschaftstrick gelingt nicht. Die Hauserin (Enzi Fuchs) „spannt“ was. Letzlich muss die Hanni nicht nur von Haus und Hof gehen, sondern sich auch von ihren Träumen verabschieden. Sie landet in der „Stood“ und beginnt ein neues Leben. Das ist nicht ein­fach. Auch das Gefängnis bleibt ihr nicht erspart. Diese Szene ist von Lena Christ sehr wirklichkeitsnah beschrieben. Warum? In ihrem wirklichen Leben hat sie das selbst erlebt.

Der Gefängniszelle im Roman gibt sie die Nummer 38. Auch das Hansschusteranwesen in Glonn hatte diese Hausnummer. Letztlich kann die Hanni über eine „Verdingerin“ bei einer Gastwirtschaft an­fangen, lässt sich dort gut an und kann so den Metzger des Hauses, Hans, (Werner Rom) für sich gewinnen.
Der einzige Sohn der Wirtsleute (Walter Fitz und Marianne Lindner) bleibt im Krieg. Und so können Hanni und Hans die Wirtschaft über­nehmen. Die „Rumplhanni“ hat ihr Ziel erreicht. Wenn man selbst in einer Gastwirtschaft aufgewachsen ist und auch in eine Metzgerei „hinein geschmeckt“ hat, wie der Verfasser, kann man diese Gasthaus-und Metzgereiszenen nur mit höchstem Lob bewerten.

Die Romanvorlage wurde von Regisseur Rainer Wollfahrt in hervor­ragender Weise umgesetzt. Auch die Besetzung für den Glonner Teil wie oben schon geschildert, ergänzt mit dem „buckligen Stauden-schneidergirgl“ Frithjof Vierock, der „Kollerin“ Maria Singer, dem „Schmied“ Willy Harlander, und der „Rumplwabn“ Marie Stadler, hät­te nicht besser sein können. Aber auch, dass viele kleinere und Ne­benrollen durch Glonner „Originale“ gespielt wurden, erhöht natür­lich für die Glonner die Attraktivität dieses Filmwerkes. Hinzu kommt das Glonner Umfeld: Ob der Urbanhof in Schlacht als „Hauserhof‘, das alte „Stefflhaus“ in Balkham als Unterkunft der „Rumplwabn“ oder das Land zwischen Balkham und Kreuz, alles passt einzigartig. Und so bleiben Glonner Personen in ihren Häusern und in ihrer Um­gebung weit über ihre Zeit hinaus für die Nachwelt präsent.

Was eher selten sein dürfte: Dankes- und Lobeshymnen der Akteure und des Filmteams wie an die „echte“ Urbanbäurin Marianne Rechl. Mit ihrer Herzlichkeit und ihren kulinarischen Angeboten hat sie sich sozusagen in die Herzen der Akteure gespielt. Und wenn ihr Karl Obermayr folgende Widmung hinterlässt: „Liebe Marianne! Dank Dir schee für alles, fürn Kaffee, fürs Dosei, fürn gmiatlichen Ratsch! Schee waars! Karl Obermayr“ dann darf man durchaus annehmen, dass sich alle in Schlacht wohlgefühlt haben. Vielleicht war das auch ein wichtiger Beitrag für das Gedeihen eines so großartigen Werkes.

Josef Hofmiller schreibt in den Zwanzigerjahren über Lena Christ: „Wenn man in 100 Jahren wissen will, wie es damals in Oberbayern gewesen ist, werden diese ihre Bücher neben denen von Ludwig Thoma den Wert kulturgeschichtlicher Quellenwerke haben.“

Hätte Hofmiller diese Rumplhanni-Verfilmung gesehen, hätte er sie höchstwahrscheinlich ebenfalls als Quellenwerk mit aufgeführt. Schade! Aber auch der 1974 verstorbene Glonner Wolfgang Koller, er war wohl der bedeutendste Lena-Christ-Förderer, er hat die Dich­terin noch persönlich gekannt, wäre von dieser Verfilmung hell be­geistert gewesen.

Hans Obermair ist Heimatforscher in Glonn.