Archiv für den Tag: 9. Februar 2022

Römerstraße gesucht

von Hans Obermair

Dienstag, 07. Dezember 2021, Ebersberger Zeitung / Lokalteil

Römerstraße gesucht

Hoffen auf Kommissar Zufall: Hans Obermair forscht nach antikem Wegesystem im Landkreis Ebersberg

Es muss sie gegeben haben, eine Römerstraße von Helfendorf in den Norden des Landkreises Ebersberg. In Kleinhelfendorf wo die „Via Julia“ südlich (Grünwald) von München nach Augsburg verläuft, muss diese abgezweigt sein. Die „Via Julia“ ist heute noch gut erkennbar, zumin­dest in der Gemeinde Aying. Auch in der Ayinger Schule haben wir das so gelernt. Demnach führte sie an unserer Wiese vorbei. Und so grub ich beim Hüten der Kühe mit Taschenmesser und Händen in den Damm in der Hoffnung, römische Soldaten könnten für mich etwas verloren haben. Gefunden habe ich nichts – außer Freude und Ansporn, mich mit Ge­schichte zu befassen. Bis auf den heutigen Tag!

Die Römerstraßen im Landkreisnorden sind weitgehend bekannt, (siehe HAB Dr. Mayr Gottfried Seite7). Es war die Straße, die Augsburg mit Wels (Oberösterreich) verband und den Ebersberger Forst durchquerte. Die Hauptstrecke führte (OBB. Archiv Band 130 Hans Baur Seite 67) über „Bra- tananium“ (Pretzen im LK Erding) über „Ambra“ (Dachau) nach Augsburg.

Die Römerstraße, die die heutigen Gemeinden Hohenlinden, Anzing, höchstwahrscheinlich über Froschkern nach Neufarn, und Poing durch­querte (HAB), führte weiter nach Poing, Gelting, Finsing, und Neuching nach Freising. In Neufarn könnte ein Abzweig über Aschheim zum Isar­übergang in Oberföhring gewesen sein.

Wo diese Trasse verlaufen ist, ist offen. Möglicherweise über Grub und Feldkirchen, wo Emmeram, der 652 in Kleinhelfendorfsein Martyrium er­litt, und auf dem Transport über Aschheim nach Regensburg verstarb. Die vermutete Römerverbindung von Helfendorf nach wahrscheinlich Neuf­arn, und weiter nach Feldkirchen, könnte also der Weg des schwer ver­wundeten Emmeram gewesen sein. Aber es gibt für diese Trasse nur Indi­zien.

Kreisheimatpfleger Thomas Warg berichtet uns (siehe EZ vom 24.8.2021), dass das gesuchte Teilstück (Helfendorf – Neufarn) die „Via Julia“ mit der Römerstraße von Wels nach Augsburg im Norden des Ebersberger Forstes verbunden haben soll.

Eventuell ist die „Gesuchte“ ab Aying am Ostrand der Schotterebene ver­laufen. Nachdem Straßen, damals wie heute, nicht nur gebaut, sondern auch unterhalten werden mussten, waren hierzu „Villa Rustikas“ angelegt. Eine könnte das nachgewiesene römische Gehöft in Oberseeon, oberhalb des Steinsees, gewesen sein. Also könnte sich die gesuchte Straße in der Nähe befunden haben. Zum Beispiel bei Pframmern, dessen Namen auf die Römer zurückgeht. Wenn man aber die Geländeskizze im Südlichen

Landkreis (mit den Schotter- und Lehmvorkommen) auch betrachtet, wäre auch ein Römerstraßenverlauf Kleinhelfendorf-Münster-Schlacht-Steinsee (Niederseeon)-Pframmern gut möglich. Damit wäre man ganz in der Nähe von Oberseeon gewesen.

Pframmern liegt aber auch an der Grenze zwischen dem besagten Morä­nenzug (Jung-Altmoräne) und der sogenannten Schotterebene (Kiesbo­den), die früher als „Perlacher Haid“, nicht als besonders fruchtbar galt. Es muss eine Graslandschaft gewesen sein, die, wenn überhaupt, nur für die Schafweide taugte. Um aufkommendes Gehölz wird sich sicher der hohe Wildbestand gekümmert haben. Die „Perlacher Haid“ war für den damali­gen Ackerbau also nicht geeignet. Und so wird wohl eine Besiedlung der Moränenlandschaft an der Grenze zur Schotterebene, natürlich an oder in der Nähe einer Straße, bevorzugt worden sein: Hier waren die besseren Ackerbaumöglichkeiten, darauf stehend das erforderliche Bauholz, und das alles in der Nachbarschaft der wildreichen „Perlacher Haid“, die auch die „hohe Jagdherrschaft“ zu schätzen wusste.

Wenn wir uns die Landkarte anschauen, hat das Aufeinandertreffen dieser beiden Landschaftsformen, die nur im Zornedinger Raum zweimal kurz unterbrochen ist, zu einer Kette von Orten geführt.

Beginnen wir in Aying, unweit von Helfendorf. Dann geht die Reihe weiter über Egmating, Orthofen, Pframmern, Wolfersberg, Zorneding, Ingelsberg, Purfing, Neufarn und weiter nach Poing, Ottersberg, Gelting-Pliening, Finsing und Neuching im Erdinger Land. Auf die Möglichkeiten eines mögli­chen teilweisen Verlaufes im Süden wurde schon hingewiesen.

Diese uralten Orte sind damals wie heute durch eine Straße verbunden. Übrigens: Aschheim und Neuching, sind zwei wichtige Orte, wo 755 und 771 Synoden der Agilolfinger zur Ergänzung des „Lex Bauivariorum“ statt­fanden.

Diese beiden Orte wurden sicher ausgewählt, weil sie an bedeutenden Straßen lagen und dies mit entsprechenden Beherbergungsmöglichkeiten. Eine Weiterführung von Neuching nach Freising, der Herzogs- und ersten Stadt des südlichen Bayern und seit 739 Bischofsitz, ist festgestellt. Und so ist es gut möglich, dass Bischof Hitto aus Freising, der im Januar 813 die Kirchen in Gelting und Georgenberg eingeweiht hatte, auf dieser Straße angereist ist.

Ob es sich bei der „Gesuchten“ ganz oder teilweise um die Römerstraße, oder um die Vorgängerstraße aus dem ersten Jahrtausend oder um früh­

mittelalterliche Wege handelt, ist (noch) nicht bekannt. Sollte es eine Rö­merstraße gewesen sein, wäre dies logisch. Für den bewährten römischen Straßenbau brauchte man sowohl faustgroße Steine als auch Kiesel ver­bunden mit Lehm. Diese Materialien waren in der Schotterebene als auch in den Moränen reichlich vorhanden. Also keine oder kaum aufwendige Transporte.

Diesen „pekuniären“ Vorteil berücksichtigten die Römer sicher bei der Trassenwahl. Von ihnen stammt ja der Spruch „Pekunia non ölet“, also „Geld stinkt nicht“. Aber natürlich nur, wenn es nicht ausgegeben war.

Möglicherweise sind einige Orte mit dem Entstehen der Straße entstan­den. Andere wieder, weil diese da war. Die an der vermuteten Trasse lie­genden Orte haben alle mindestens ein Anwesen mit dem Hausnamen „Moar“. Der „Moar“ war häufig nicht nur der größte Hof eines Ortes, son­dern womöglich auch der Erste. Eventuell war bei einigen eine „Villa-Rusti­ka“ der Anfang.

Diese Straße wird größtenteils knapp unterhalb der Moränenhänge gewe­sen sein um Steigungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Da Hänge natür­lich nach unten erodieren und die flachen Schotterböden nicht nach oben, könnte diese alte Straße meterhoch überschüttet sein. Man kann es ja auch beobachten, dass landwirtschaftliche Flächen, die direkt an einem Hang liegen, mit Erosionsmasse vom Hang her überdeckt sind. Vielleicht können bei tieferen Baugruben unterhalb eines solchen Hanges doch noch Straßenreste entdeckt werden.

Der ganze „kriminalistische“ Sachverstand von Generationen von Histori­kern, Archäologen und Heimatkundlern hat bisher nicht ausgereicht, sozu­sagen „die Straßen-Leiche“ zu entdecken. Und so muss die Suche, auch die nach Indizien, weitergehen, bis vielleicht einmal „Kommissar Zufall“ den Fall löst.

*) Hans Obermair ist Heimatforscher in Glonn.

Die Römerstraßen im Landkreisnorden sind weitgehend bekannt, (siehe HAB Dr. Mayr Gottfried Seite7). Es war die Straße, die Augsburg mit Wels (Oberösterreich) verband und den Ebersberger Forst durchquerte. Die Hauptstrecke führte (OBB. Archiv Band 130 Hans Baur Seite 67) über „Bra- tananium“ (Pretzen im LK Erding) über „Ambra“ (Dachau) nach Augsburg.

Die Römerstraße, die die heutigen Gemeinden Hohenlinden, Anzing, höchstwahrscheinlich über Froschkern nach Neufarn, und Poing durch­querte (HAB), führte weiter nach Poing, Gelting, Finsing, und Neuching nach Freising. In Neufarn könnte ein Abzweig über Aschheim zum Isar­übergang in Oberföhring gewesen sein.

Wo diese Trasse verlaufen ist, ist offen. Möglicherweise über Grub und Feldkirchen, wo Emmeram, der 652 in Kleinhelfendorfsein Martyrium er­litt, und auf dem Transport über Aschheim nach Regensburg verstarb. Die vermutete Römerverbindung von Helfendorf nach wahrscheinlich Neuf­arn, und weiter nach Feldkirchen, könnte also der Weg des schwer ver­wundeten Emmeram gewesen sein. Aber es gibt für diese Trasse nur Indi­zien.

Kreisheimatpfleger Thomas Warg berichtet uns (siehe EZ vom 24.8.2021), dass das gesuchte Teilstück (Helfendorf – Neufarn) die „Via Julia“ mit der Römerstraße von Wels nach Augsburg im Norden des Ebersberger Forstes verbunden haben soll.

Eventuell ist die „Gesuchte“ ab Aying am Ostrand der Schotterebene ver­laufen. Nachdem Straßen, damals wie heute, nicht nur gebaut, sondern auch unterhalten werden mussten, waren hierzu „Villa Rustikas“ angelegt. Eine könnte das nachgewiesene römische Gehöft in Oberseeon, oberhalb des Steinsees, gewesen sein. Also könnte sich die gesuchte Straße in der Nähe befunden haben. Zum Beispiel bei Pframmern, dessen Namen auf die Römer zurückgeht. Wenn man aber die Geländeskizze im Südlichen

Landkreis (mit den Schotter- und Lehmvorkommen) auch betrachtet, wäre auch ein Römerstraßenverlauf Kleinhelfendorf-Münster-Schlacht-Steinsee (Niederseeon)-Pframmern gut möglich. Damit wäre man ganz in der Nähe von Oberseeon gewesen.

Pframmern liegt aber auch an der Grenze zwischen dem besagten Morä­nenzug (Jung-Altmoräne) und der sogenannten Schotterebene (Kiesbo­den), die früher als „Perlacher Haid“, nicht als besonders fruchtbar galt. Es muss eine Graslandschaft gewesen sein, die, wenn überhaupt, nur für die Schafweide taugte. Um aufkommendes Gehölz wird sich sicher der hohe Wildbestand gekümmert haben. Die „Perlacher Haid“ war für den damali­gen Ackerbau also nicht geeignet. Und so wird wohl eine Besiedlung der Moränenlandschaft an der Grenze zur Schotterebene, natürlich an oder in der Nähe einer Straße, bevorzugt worden sein: Hier waren die besseren Ackerbaumöglichkeiten, darauf stehend das erforderliche Bauholz, und das alles in der Nachbarschaft der wildreichen „Perlacher Haid“, die auch die „hohe Jagdherrschaft“ zu schätzen wusste.

Wenn wir uns die Landkarte anschauen, hat das Aufeinandertreffen dieser beiden Landschaftsformen, die nur im Zornedinger Raum zweimal kurz unterbrochen ist, zu einer Kette von Orten geführt.

Beginnen wir in Aying, unweit von Helfendorf. Dann geht die Reihe weiter über Egmating, Orthofen, Pframmern, Wolfersberg, Zorneding, Ingelsberg, Purfing, Neufarn und weiter nach Poing, Ottersberg, Gelting-Pliening, Finsing und Neuching im Erdinger Land. Auf die Möglichkeiten eines mögli­chen teilweisen Verlaufes im Süden wurde schon hingewiesen.

Diese uralten Orte sind damals wie heute durch eine Straße verbunden. Übrigens: Aschheim und Neuching, sind zwei wichtige Orte, wo 755 und 771 Synoden der Agilolfinger zur Ergänzung des „Lex Bauivariorum“ statt­fanden.

Diese beiden Orte wurden sicher ausgewählt, weil sie an bedeutenden Straßen lagen und dies mit entsprechenden Beherbergungsmöglichkeiten. Eine Weiterführung von Neuching nach Freising, der Herzogs- und ersten Stadt des südlichen Bayern und seit 739 Bischofsitz, ist festgestellt. Und so ist es gut möglich, dass Bischof Hitto aus Freising, der im Januar 813 die Kirchen in Gelting und Georgenberg eingeweiht hatte, auf dieser Straße angereist ist.

Ob es sich bei der „Gesuchten“ ganz oder teilweise um die Römerstraße, oder um die Vorgängerstraße aus dem ersten Jahrtausend oder um früh­

mittelalterliche Wege handelt, ist (noch) nicht bekannt. Sollte es eine Rö­merstraße gewesen sein, wäre dies logisch. Für den bewährten römischen Straßenbau brauchte man sowohl faustgroße Steine als auch Kiesel ver­bunden mit Lehm. Diese Materialien waren in der Schotterebene als auch in den Moränen reichlich vorhanden. Also keine oder kaum aufwendige Transporte.

Diesen „pekuniären“ Vorteil berücksichtigten die Römer sicher bei der Trassenwahl. Von ihnen stammt ja der Spruch „Pekunia non ölet“, also „Geld stinkt nicht“. Aber natürlich nur, wenn es nicht ausgegeben war.

Möglicherweise sind einige Orte mit dem Entstehen der Straße entstan­den. Andere wieder, weil diese da war. Die an der vermuteten Trasse lie­genden Orte haben alle mindestens ein Anwesen mit dem Hausnamen „Moar“. Der „Moar“ war häufig nicht nur der größte Hof eines Ortes, son­dern womöglich auch der Erste. Eventuell war bei einigen eine „Villa-Rusti­ka“ der Anfang.

Diese Straße wird größtenteils knapp unterhalb der Moränenhänge gewe­sen sein um Steigungen nach Möglichkeit zu vermeiden. Da Hänge natür­lich nach unten erodieren und die flachen Schotterböden nicht nach oben, könnte diese alte Straße meterhoch überschüttet sein. Man kann es ja auch beobachten, dass landwirtschaftliche Flächen, die direkt an einem Hang liegen, mit Erosionsmasse vom Hang her überdeckt sind. Vielleicht können bei tieferen Baugruben unterhalb eines solchen Hanges doch noch Straßenreste entdeckt werden.

Der ganze „kriminalistische“ Sachverstand von Generationen von Histori­kern, Archäologen und Heimatkundlern hat bisher nicht ausgereicht, sozu­sagen „die Straßen-Leiche“ zu entdecken. Und so muss die Suche, auch die nach Indizien, weitergehen, bis vielleicht einmal „Kommissar Zufall“ den Fall löst.

*) Hans Obermair ist Heimatforscher in Glonn.

Der Kirchenwachter von Frauenreuth

von Hans Obermair

Dienstag, 07. September 2021, Ebersberger Zeitung / Lokalteil

Der Kirchenwachter von Frauen­reuth

Während des Gottesdienstes musste er den Ort bewachen zum Schutz vor Einbrechern

Zum menschlichen Dasein gehört es auch auf Gefahren zu ach­ten, um einen möglichen Schaden zu verhindern beziehungsweise zu ver­kleinern. Der Beruf und die Tätigkeit des Nachtwächters war hierzu nicht nur zuständig, sondern auch Symbol über Jahrhunderte. Durch den Ort wandernd oder auch vom Turm aus überwachte und meldete er nicht nur Gefahren, sondern oft auch die Zeit. Mit der Stimme, dem Horn oder auch durch Glockengeläut machte er bei Gefahr darauf aufmerksam. Die Helle­barde oder ein Spieß waren Zeichen seiner Aufgabe, konnten gegebenen­falls aber auch Waffe sein. In zahlreichen Liedern und Geschichten wurde der Nachwächter zur Legende.
Einen „Hauptberuflichen“ konnten sich allerdings nur größere Kommunen leisten. Auf dem flachen Land wurde diese Aufgabe, wenn überhaupt, eh­renamtlich erledigt. In der Regel waren es die „Mesner“‚ die verständigt wurden, um „Sturm“ oder „Feuer“ zu läuten.

In der Regel waren es natürlich die Bewohner selbst, die aufpassten. Aller­dings gab es an Sonn- und Feiertagen während Gottesdienstzeiten, insbe­sondere wo es nur einen einzigen Gottesdienst gab, den so genannten „Kirchenwachter“. Hier war man ja fast ausnahmslos in der Kirche. In der Regel war es dann nur ein „Weiberleut“, die das „Haus hütete“, in der Kü­che Dienst hatte und die sich auch gegebenenfalls um das Vieh kümmerte. Dies war eine Sicherheitslücke, die natürlich den potentiellen „Übeltätern“ auch bekannt war.

Und so wurde es mir von meinem Vater und von Michael Obermüller über Frauenreuth (Glonner Gemeindeteil) berichtet: „Nachdem aber in Frauen­reuth an Sonntagen in der Regel nur ein Gottesdienst angeboten wurde, wären die Anwesen unbewacht gewesen. Und so musste ein so genannter „Kirchenwachter“, der zum Zeichen seines Amtes, aber auch als Waffe, mit einem Stab, der eine metallene Spitze hatte, ausgestattet war, während des Gottesdienstes den Ort bewachen. Der „Diensthabende“ musste nach der Kirche den Stab bei dem abliefern, der als nächster dran war. Hier gab es eine feste Reihenfolge“.

Die Hauptaufgabe des „Kirchenwachters“ war, zunächst durch sein Vor­handensein, abzuschrecken. War aber etwas vorgefallen, wie zum Beispiel Einbruch oder Feuer, verständigte er die Leute in der Kirche. Aus anderen Orten ist bekannt, dass es auch Aufgabe war darüber zu wachen, ob die kirchlich verordnete Sonntagsruhe, die nur das Nötigste an Arbeit erlaub­te, eingehalten wurde.
Diese „Kirchenwachter“ sind zu unterscheiden von den Kirchenwächtern, die in größeren Kirchen, oft in spezieller Kleidung, auch heute noch, das In­nere einer Kirche überwachen. Über die „Kirchenwachter“ gibt es im Ge­gensatz zu den Nachtwächtern nur spärliche Nachrichten und Aufzeich­nungen. Demnach gab es diese in allen Teilen Bayerns bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts, also jener „Zeitenwende“ ab der der Gottesdienstbesuch, aber auch das Verbot der Sonntagsarbeit nicht mehr so ernst genommen wurde. Ab dieser Zeit gewinnt aber auch das Meldewesen (Sirenen, Tele­fon usw.) an Bedeutung.

Aber ab wann gibt es diese Einrichtung, beziehungsweise diesen Brauch? Eine Quelle sagt, die marodierenden Banden des Dreißigjährigen Krieges seien der oder ein Anlass gewesen. Wenn man bedenkt, dass dieser Krieg, auch einer der Religionen war und man es auch auf treue „andersgläubi­ge“ Kirchgänger abgesehen hatte, ist dies durchaus verständlich.

Es können aber auch lokale Anlässe im Ort und der Umgebung gewesen sein, die eine Überwachung herausforderten.
Die Votivtafeln in der Frauenreuther Kirche berichten hierüber nichts. Aber im Buch „Die Nonnenmacher“ von Georg Gebhard, hier wird über die „Haberl’s von Marschall“, einer Familienbande mit Nachnamen Nonnenma­cher, berichtet, finden wir Hinweise. Dass es in unseren Landkreis zwar keine verwandtschaftlichen Beziehungen mehr, aber „komplizenhafte“ gab, wie es Gebhard nannte, wurde von ihm bestätigt. Der Autor stellt ge­nerell fest, dass sich diese Bande die Situation während der Gottesdienste öfter zunutze machte. Zwar ist über Frauenreuth selbst nichts berichtet, aber über die Umgebung:

In Wildenholzen wurde das Hofbauernanwesen 1838 während des Gottes­dienstes in Alxing von dieser Bande überfallen. Die 19-jährige Magd Maria hatte alleine das „Haus zu hüten“. Das Ablenkungsmanöver durch eine „fremde Frau“ nutzten „zwey Bursche“ aus und bedrohten die Magd. Sie waren bewaffnet mit einer Pistole und einer Heugabel. Jedenfalls konnten die Räuber mit einer Beute im Wert von 217 Gulden von dannen ziehen. Die Polizei konnte allerdings zwei von den drei Räuberpersonen dingfest machen. Ein zweiter Überfall dieser Bande ist für 1839 verzeichnet. Wieder ein größeres Anwesen, diesmal beim „Moar in Öd“ war das Ziel und wieder am Sonntag, während des Kirchganges zur Jakobsbairer Kirche. Die „Dirn“ Anna hatte das Haus zu hüten. Über die Ställe drangen die Räuber ins Haus. Unter Drohungen und Misshandlungen, auch mit einer Büchse be­waffnet, wurde die „Dirn“ in den Keller gesperrt. Diesmal bestand die Beu­te wieder überwiegend aus Bargeld, aber auch aus anderem „Silbernen“ und aus „G‘ wand“. Der Gesamtschaden geht sicher an die 1000 Gulden. Die Räuber konnten nicht dingfest gemacht werden. Aber das „Muster“ spricht wieder für die „Haberl-Bande“.

Dass solche Vorkommnisse auch die Umgebung beunruhigen, es war ja im selben Landgericht, versteht sich von selbst. „Kirchenwachten“ bezie­hungsweise weitere, könnten die Folge gewesen sein. Übrigens: Die da­mals bekannte „Doktorbäuerin“ Amalia Hohenester, sie hatte internationa­les Patientenpublikum, war ein Spross dieser berüchtigten Familie. Als Amalie Nonnenmacher wurde sie in Vaterstetten 1826 geboren. Die Fami­lie kaufte bald darauf das „Haberlanwesen“ in Marschall bei Holzkirchen.

Wieder zurück nach Frauenreuth: Wie lange gab es dort den Kirchenwachter? Die Abschaffung war frühestens 1930. Denn im November dieses Jah­res lesen wir folgende Zeitungsmeldung:

„Glonn (Diebstahl) Am Sonntag vormittag, während des Gottesdienstes wurde beim „Simmerbauer“ Josef Schweiger in Frauenreuth ein Diebstahl ausgeführt, wobei der Dieb aus einem verschlossenen Schrank des Bauern eine Kasse mit 500 Mark Inhalt erbeutete. Auch das Rad des Bauern wurde mitgenommen. Nachdem die Rückkehr der Hausbewohner vom Gottes­dienst der mit der Kirchenwacht betraute auf dem Hof beschäftigte Knecht verschwunden war, richtet sich der Verdacht des Diebstahls auf den Knecht. Die Gendarmerie Glonn wurde alsbald verständigt, so dass es wohl bald gelingen wird, den Täter zu verhaften“.

Ob der Täter, jener Knecht, ausfindig gemacht werden konnte, ist nicht be­kannt. Vielleicht war dieser Vorgang das Ende des Frauenreuther „Kirchenwachters“.

Hans Obermair ist Heimatforscher. Er lebt in Glonn.

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Zurück zum Ursprung

von Hans Obermair

Dienstag, 01. Juni 2021, Ebersberger Zeitung / Lokalteil

Zurück zum Ursprung

Heimatforscher wirft Blick auf die Bauersfamilie als Keimzelle der heutigen Welt

Das Wort Geschichte besagt, dass es „Schicht auf Schicht“ bedeutet. Wir sind also nur ein Glied in einer langen Kette. Das „Innerste“ in unserer Geschichte ist der Mensch. Er hat die Zeit erlebt und überlebt und ist letztlich der Träger der Erinnerung. Hät­ten unsere Vorfahren, oft unter schwierigsten Bedingungen, nicht überlebt, gäbe es uns Nachfahren nicht. Wir haben also alle Veran­lassung, dies dankbar zu würdigen. Noch dazu geht es uns in der Re­gel heute besser als unseren Ahnen. Im Hinblick darauf sollten wir eigentlich zufriedener sein.

Die Keimzelle unseres Daseins ist letztlich die Familie. In keiner Le­bensform ist dies augenfälliger als in einer früheren Bauersfamilie: Kindheit, Alter, Erwerb, Gesundheit, Krankheit, Beruf, Behausung, Natur und Klima sind hier mehr verwoben als in dieser. Hier wird ge­boren, gelebt, geheiratet und gestorben. Schauen wir in unser Pfarr- matrikel und Familienbücher, so wird uns das besonders bewusst.

Auch das ländliche Handwerk hat seinen Ursprung in der Bauersfa­milie. Hat man in frühester Zeit in der sogenannten „Hauswirtschaft“ alles, was man brauchte, selbst hergestellt, so haben sich besondere Begabungen – eben „Profis“ – „selbst ständig“ gemacht – auch im Sinne einer Arbeitsteilung. Der Hintergrund dürfte eher Qualität als Rentabilität gewesen sein. Eben nicht das Mehrverdienen, sondern das Bessermachen.

Die Zahl der Kinder dürfte im Durchschnitt in keiner Familie größer gewesen sein, als in der des Bauern. Sicher spielte die eigene Nah­rungsgrundlage eine Rolle, aber auch das „es muss ja weitergehen“. Dass nach dem Tod eines Ehepartners, der ja auch Vater oder Mut­ter war, schnellstens wieder geheiratet wurde, passt in dieses Sche­ma. Am ehesten war es eine Mutter, die zu ersetzen war. Und so ist es nicht verwunderlich, dass im Glonner Bereich in zwei Fällen die fünfmalige Heirat eines Mannes verzeichnet ist. Während die erste Heirat in der Regel eine standesgemäße war, es musste ja Mitgift ins Haus kommen, damit Geschwister ausbezahlt werden konnten, kam es bei weiteren Ehen nicht mehr vordergründig darauf an: Eine Chance für alle, die nicht so reich waren. Das Erstheiratsalter lag, und das bei weit geringerer Lebenserwartung, bei Männern an die 30. Dass viele Ehen arrangiert waren, war zeitgemäß hin bis zum Hochadel.
Die Versorgungseinrichtung „Bauernhof‘ galt nicht nur für die Fami­lienmitglieder, sondern auch für die alten Ehehalten, die in vielen Fällen auch mit ihrer Bauersfamilie das Grab teilen durften. Erst mit dem Aufkommen der Sozialversicherungen unter Bismarck machte sich das Alter mehr und mehr selbstständig.
Nachdem zu einer Heirat eine „gesicherte Nahrungsgrundlage“ nachzuweisen war, war der Anteil der „Ledigen“ besonders hoch.

Und so war es auch bei der Zahl der „illegitimen“ Kinder, die in der Regel bei der Mutter, oft im Dienst, bei ihren Großeltern oder gar als Kostkinder aufwuchsen. Bis etwa in die Mitte des 19. Jahrhunderts hatten diese „Ledigen“ gar den Familiennamen des Vaters bekom­men. Bei der Taufe, in der Regel „nur“ durch den Kooperator, wurde des Öfteren der Name des Tagesheiligen gewählt. Auch der konnte ein Leben lange „auffällig“ sein. Besonders hart für die Mutter, wenn ihr Kind unter anderem Namen aufwuchs. Aber ein Vorteil, wenn Va­ter und Mutter sich doch noch vor dem Traualtar fanden. Dann hat­te das Kind wieder den richtigen Namen. Eine solche Heirat hat dann auch den Makel des „Ledigen“ kaschiert, der sich sonst oft ein Leben lang auswirkte.

Ein wichtiger Wirtschaftszweig war das Vieh. Damit konnte man na­türlich vorkommende Pflanzen, die für den Menschen primär nicht als Nahrung taugten, veredeln. Das Steuerbuch von 1671 gibt einen guten Einblick in den Viehbestand. Pferde, „Rosse“ genannt, gab es fast auf allen größeren Anwesen, in der Höchstzahl vier plus Fohlen. Vermutlich je mehr, umso höher war der Anteil an Ackerbau. Die Höchstzahl der Kühe war sechs plus Kälber und Jungvieh. Der Schweinebestand war mit bis zu zehn bedeutend, was auf den Ackerbau hinweist. Wahrscheinlich mit zunehmender Bedeutung, denn 1720 verlobte sich der „Steinmüller“ von Mühltal zur Gottes­mutter nach Frauenreuth: Er bedankte sich auf einer Votivtafel, dass ihm 22 „Frischling“ (junge Schweine) durchgekommen seien. 1671 waren nur eine „Schweinsmutter“ und sieben „Frischlinge“ angege­ben. Aber auch die Schafzucht hatte eine Bedeutung. Kaum ein An­wesen war ohne Schafe und Lämmer. Die „Impen“ waren etwas sel­tener. Bis zu sieben Stöcke sind verzeichnet. Schafe waren aber auch in ein paar Fällen geliehen. Für die Weide bekam man die Wolle. „Verleiher“ waren Wirte und Metzger. Bei strengen und langen Win­tern konnte es Futterengpässe geben. Der Ausdruck „Schleppvieh“ hat hier seinen Ursprung. Das Vieh war zu schwach, um im Frühjahr allein die Weide zu erreichen.

Die Bewirtschaftung des Landes erfolgte über Jahrhunderte nach dem Prinzip der „Dreifelderwirtschaft“. Die Fruchtfolge war: Somme­rung, Winterung und Brache. Die jeweiligen Brachflächen wurden als Weideland benutzt.
Dies war nur möglich durch den sogenannten Flurzwang, also Anbau- und Nutzungszwang, weil damit die Weideflächen im Brach­jahr zusammenhängend genutzt werden konnten. Um das Witterungs- und Klimarisiko zu verteilen, hatte in der Regel jedes An­wesen in jeder Flur Grundstücke. Dies hatte natürlich kleine Parzel­len zur Folge. Für die Bewirtschaftung, die ja ausschließlich durch Handarbeit verrichtet wurde, war dies kein Hindernis. Wegen mögli­cher Nässe, aber auch wegen der tieferen Humusauflage, gab es die sogenannten „Hochäcker“, das sind zusammengepflügte Ackerbee­te. Um ein Feld zu erreichen, musste man aber häufig über das eines Anderen fahren. Auch hier war der Flurzwang von Nutzen, weil es so einen gemeinsamen Erntezeitpunkt gab.

Die alte Dreifelderwirtschaft wurde ab Beginn des 19. Jahrhunderts durch die verbesserte Dreifelderwirtschaft abgelöst. Die ehemals als Brachflächen geführten Grundstücke wurden nun mit Klee und Blattfrüchten (z.B. Kartoffeln) bebaut. Dies brachte natürlich höhere Erträge mit der Folge, dass nicht nur mehr landwirtschaftliche Güter auf den Markt kamen, sondern auch, dass über die erhöhte Viehhal­tung mehr Dünger zur Verfügung stand, was wiederum die Erträge steigerte. Eine Vergrößerung der Gebäude war die Folge. Mit der all­mählichen Aufhebung des Flurzwanges und dem uneingeschränkte Eigentum ab 1848 („Bauernbefreiung“), wurde der Grundstücks­tausch angeregt, so dass nun größere Parzellen bearbeitet werden konnten. Erst mit der Arrondierung, bzw. Flurbereinigung, bei uns ab etwa 1950, fand dies seinen Abschluss.

Die Gebäude, oft aus Holz, waren in unserer Gegend in der Regel mit „Legschindeln“ gedeckt. Dies sind mehrlagig verlegte Bretter, die mit Stangen und Steinen beschwert waren. Deshalb die flache Dach­form. In Ackerbaugegenden, wie im Norden des Landkreises, bzw. in Moorgegenden gab es das steile Stroh- oder Rieddach. Der Backofen war wegen der Brandgefahr außerhalb des Gehöftes. Mit der Einfüh­rung der Brandversicherung gab es für ziegelgedeckte Häuser Prä­mienabschläge. Auch deswegen setzten sich allmählich Ziegeldächer durch, mit der Folge, dass die Dachform steiler werden konnte.

Hans Obermair ist Heimatforscher. Er wohnt in Glonn.

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Die schlechte Zeit

von Hans Obermair

Die schlechte Zeit

So überlebte die Bevölkerung in unserer Region im Krieg und in den Jahren danach

Redet man von der „schlechten Zeit“ meint man die Zeit bei­der Weltkriege und die Zeiten danach. Für die letzte Nachkriegszeit gibt es noch viele Zeitzeugen, die noch lebendige Erinnerungen zu berichten wis­sen. Und darüber soll hier zu lesen sein.

Die Ernährungssituation war, wie schon im Krieg, katastrophal. Offiziell konnten Nahrungsmittel nur gegen Lebensmittelmarken erworben wer­den. Man sagte, die, die nur nach „Marken“ leben müssen, die könnten nicht überleben. Erfindungsgeist war gefragt. Betteln und hamstern war an der Tagesordnung. Mit den an Wochenenden voll besetzten Zügen zur

Schwammerl- oder Beerenzeit kamen die Städter scharenweise, um we­nigstens im Wald noch ohne Lebensmittelmarken etwas zu erhaschen. Ei­ne andere Methode war das Sammeln von den liegen gebliebenen Ähren auf den abgeernteten Getreidefeldern. Aber auch die von den Bauern be­reits „nachgeglaubten“ Kartoffelfelder wurden noch einmal abgesucht, um doch noch ein paar Knollen zu ergattern. Oft aber mussten die Städter ihre Familienschätze in Essbares Umtauschen, um über die Runden zu kom­men. Wohl den Städtern, die eine Verbindung zum Land hatten. Umso schlechter erging es den anderen.

Die Landwirte hatten strenge Ablieferungsvorschriften. Aber „schwarz“ ging halt immer etwas. Zum Beispiel Milch zum Ausbuttern, die über die von der „Milchmesserin“ nicht so genau registrierte Menge zur Verfügung stand. Das „Schwarzschlachten“ eines Schweines war bei vielen ebenfalls üblich. Hier war größte Vorsicht geboten. Zum einen durfte das entfernte Tier den Bestand offiziell nicht mindern und zum anderen gab es die Ge­fahr der Schlachtung selbst. Das Schwein konnte ja, bei nicht fachgerecht erfolgtem „Erstschlag“, durch lautes Geschrei die „Außenwelt“ alarmieren. Und so wurden viele Raffinessen erdacht, um dies zu verhindern.

Hier ein Fall: Der schlachtende Bauer hatte einen Lanz-Bulldog, der zum Zeitpunkt der „Tötung“ kräftig „eingespritzt“ wurde, um so für den nötigen „Krach“ zu sorgen. Damals gab es, außer in der kalten Jahreszeit, keine Kühlmöglichkeit. Und so kam es durchaus vor, dass die Nachbarn das Fleisch im Eiskeller des Wirtes zwischenlagerten. Natürlich ganz hinten auf dem Eisblock, sodass es bei einer eventuellen Kontrolle nicht auffiel.

Der „Schwarze Markt“ erreichte aber auch manchmal Dimensionen, die mit dem Stillen des Hungers nichts mehr zu tun hatten. So wurden Tiere gestohlen und „verschoben“. Lebendig und tot. Die Transporte solchen Gutes waren dabei äußerst geschickt organisiert. So wurde ein zum „Holz- gaser“ umgebauter Kraftwagen zurück gebaut und wieder mit üblichem Treibstoff betrieben. Im Holzgaserkessel war deshalb Platz für ein totes Schwein. Die Polizeikontrolle hätte nichts bemerkt, wäre es nicht kalt ge­wesen. Ein Polizist wollte sich die Hände aufwärmen. Doch der Kessel war kalt. Und so flog der Schwindel auf.

Nach dieser „schwarzen“ Zeit wurde immer über diese gesprochen. Einer hat einmal dem anderen vorgeworfen, er hätte ihm eine von ihm versteck­te Kuh gestohlen und wollte dafür Ausgleich. Er erhielt folgende Antwort: „Die Kuh ersetze er nicht, die war ja auch gestohlen, aber für den Strick, an dem die Kuh hing, zahle er. In einem anderen Fall wurde erzählt, dass,

wenn ein Schwein geschlachtet wurde, ein Polizist immer rechtzeitig zum „Kesselfleisch“ präsent war. Wie wusste er das? Später gab es ein Polizist zu: „Bei euch war das Hoftor nur zu, wenn ihr geschlachtet habt – und so wusste ich es.“

Tabak und Zigaretten waren Mangelware und damit bevorzugtes Schwarz­handelsgut. Wohl dem, der seine, über Marken zugeteilte Ration nicht ver­brauchte und damit ein wichtiges Tauschgut hatte. Bei den anderen reich­te die Zuteilung bei weitem nicht aus. Tabak wurde, mit zum Beispiel mit dürren Nussblättern, „gestreckt“. Aber auch „Mahorka“, ein russischer Ta­bak der aus klein gehäckselten Rippen der Tabakblätter bestand, war im Umlauf. Wer die Möglichkeit hatte, baute Tabak selbst an. Natürlich im Hausgarten, denn auf dem freien Feld hätte man ihn gestohlen. Und dort auf dem wärmsten Platz, der in guten Jahren für Gurken und Tomaten re­serviert war. Nach der Ernte wurden die Tabakblätter zum Trocknen auf­gehängt und mussten „fermentieren“. Für die Selbstherstellung von Tabak gab es die verschiedensten Rezepte. Zum Beispiel in Dosen eingelegt und Schicht für Schicht mit Zucker bestreut. Auch das Schneiden des fertigen Produktes erforderte Fertigkeit. Hierzu gab es auch kleine Maschinen, in denen der Tabak, ähnlich wie bei einer „Gsottmaschine“, geschnitten wur­de. Tabak wurde entweder in der Pfeife oder als Zigarette geraucht. Die Zi­garettenhüllen waren ebenfalls ein Schwarzmarktartikel. Oft genug wurde aber Zeitungspapier verwendet.

Auch Zucker war knapp. Ein gängiger Ersatz war Sirup. Dieser wurde aus Zuckerrüben, auf dem Feld angebaut, hergestellt. Sie mussten zerkleinert und gekocht werden. Dieser Vorgang dauerte mehr als einen Tag und so wurde die Nacht über durchgeheizt. Jedenfalls bestand das Endprodukt aus einer zähen, süßen Masse, die, wenn man sie aus dem Topf heraus­nahm, lange Fäden nach sich zog. Verwendet wurde Sirup zum Süßen von Gebackenem, für Mehlspeisen und als Brotaufstrich.

Am leichtesten war Kleidung zu ersetzen. Da wurde „Getragenes“ aufge­trennt, gefärbt neu genäht oder gestrickt. Das auch aus Militärbeständen wie Zelte, Uniformen und Fallschirmen. So manches Brautkleid war aus „Fallschirmseide“. WerVerwandte in Amerika hatte, wurde mit Altem und Neuem per Paket versorgt. Auf der Straße erkannt man, wer mit solcher Verwandtschaft gesegnet war. Ledernes wurde neu „gedoppelt“ und wenn es mit altem Reifenmaterial war. Da wurde getauscht und gehandelt. Mei­ne Lederhose, steif und „selbststehend“ war ein Pfund Butter wert und ei­ne Investition für mehrere Sommer.

Alkoholisches war ebenfalls knapp. Auch die Herstellung von Bier wurde mit mäßigem Erfolg versucht. Da war es beim „Schnaps“ schon einfacher: Obst war ja einigermaßen vorhanden. Mit Waschkesseln konnte ein funk­tionierendes Gerät gebaut werden. Das Destilliergerät war auch behelfs­mäßig. Aber es tropfte: Hochprozentiges. Wegen des Produktionsengpas­ses oft nicht ein zweites- oder drittes Mal gebrannt und mit dem Trennen des „Vorlaufes“ ging es auch nicht so genau. Also: „Schnaps ist Schnaps“! Und wenn man dieses „Gesöff Fusel nennt, ist es noch gut bedient. Und dass dieser „Fusel“ die Augen schädigen kann, wurde ebenfalls nicht im­mer berücksichtigt. Von diversen „Hoffabrikanten“ eben nicht. Und wenn diese dann übermäßig „blinselten“ wusste man: „Aha“.

Aber nicht nur was das Essen betrifft, waren diese Jahre fürwahr eine „schlechte Zeit“. Denken wir an die vielen Heimatvertriebenen, die ins Land kamen und untergebracht werden mussten. Dann die Kriegsheim­kehrer. Dann die Schulverhältnisse, ich wurde 1945 eingeschult: Im Schul­ranzen nur Tafel mit Schwamm und Lappen, die außen herabhingen, und eine Griffelschachtel. In der zweiten Klasse eine 19-jährige Lehrerin mit 67 Kindern aus drei oder vier Jahrgangsstufen. Dann Schulspeisung, Woh­nungsnot und und und!

Als wir in der zweiten oder dritten Klasse einen Schulausflug in den Tier­park machen durften, mussten wir vorher Holz abliefern, damit der „Holz- gaserbus“ überhaupt starten konnte. Aber niemand hat aufgegeben. Fast ein „achtes Weltwunder“‚: Aus Not, aber auch aus Träumen, wurde ein Wirtschaftswunder.

Hans Obermair ist Heimatforscher. Er lebt in Glonn.

 

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„Da Poite“ – der siebte Bua

von Hans Obermair

Der besondere Lebenslauf eines „Obdachlosen“, der auch ein kleiner Philosoph war

Sucht man im Internet unter dem Begriff „Obdachloser“, so lassen sich hierzu ein paar Dutzend verschiedene Bezeichnungen finden. Der „Poite“, den ich in meiner Kinder- und Jugendzeit kannte, war ein sol­cher. Aber dass man seine Person mit einem Begriff oder gar mit einer ab­wertenden Bezeichnung in Verbindung brachte, daran kann ich mich nicht erinnern. Wenn er da war, gehörte er einfach dazu – und wenn nicht, ging er auch nicht ab. Schließlich hatte er in München und dem Münchner Um­feld mehrere Anlaufstellen. Und irgendwo, wenn nicht bei uns, war er dann schon.

Über „Poites“ Person weiß man nur so viel: Geboren wurde er 1899 im Mit­telfränkischen. Aufgewachsen muss er in Feuchtwangen sein, wo sein Va­ter beim Rentamt beschäftigt war. Er war der siebte Sohn seiner Familie. Deshalb kam er zu seinem „königlichen“ Namen Luitpold. Bayerns Prinzre­gent Luitpold (1820 – 1912) war nämlich wahrscheinlich per Verordnung automatisch Taufpate, wenn eine Familie einem siebten Sohn das Leben schenkte. Dieses Attribut, wird ihm außer einem Erinnerungsgeschenk, vielleicht war es ein üblicher „Tauftaler“, wenig gebracht haben. Das „Poi- te“, wie man ihn kurz nannte, wird aber auch schnell den königlichen „Luit­pold“ überdeckt haben. Ihm war es sicher lieber, denn die Erinnerung im Rufnamen an den „hohen“ Taufpaten hätte ihm vielleicht Einiges an Etiket­te abverlangt, und das war nicht das Seine.

Die Familie hat sicher einen guten Status gehabt, sonst hätte deren „sieb­ter Bua“ nicht eine Bäckerlehre machen können. Damals mussten die El­tern noch „Lehrgeld“ zahlen. 1917 bekam der „Poite“ eine Stiefmutter. Ab diesem Jahr ist er in München gemeldet. Bei der Musterung im März 1918 finden wir ihn als Bäckergesellen, aber auch als Hilfsarbeiter. Sein Militär­dienst dauert nicht lange, dann ist der Krieg aus. Dem Kriegsende 1918 folgte, nicht nur für den „Poite“, eine bettelarme Zeit. Die nächsten zehn Jahre wohnt er in und um München. Tätigkeit ist keine genannt. Bis 1959 sind 15 verschiedene Wohnsitze verzeichnet. Nicht lückenlos.

Mutmaßlich hatte er auch von seiner Familie nicht mehr die nötige Unter­stützung und so hat es ihn „aus der Bahn geschmissen“. Wie er sich „durchgehauen“ hat, kann man nur ahnen. Ebenso weiß man nicht, was er während des Zweiten Weltkriegs gemacht hat. Vielleicht ist er sogar „un­tergetaucht“. Seine Fähigkeiten, mit der Natur zu leben, die er nach dem Krieg unter Beweis gestellt hat, lassen dies vermuten.

Jedenfalls nach dem Krieg war der „Poite“ da. Und hier beginnen meine persönlichen Erinnerungen. In der Regel kam er am späten Abend mit dem Zug aus München. Natürlich unangemeldet. Die Örtlichkeiten und wie man in Stall oder Scheune kommen konnte, war ihm ja bekannt. So konnte er bei uns im Sommer in der Scheune und in der kälteren Jahreszeit im Stall, hinter den Kühen, wo die Einstreu gelagert war, übernachten. Einmal sorgte er für einen kräftigen Schreck der „Schweizerin“ (Melkerin). Der „Poite“ hatte sich in die Streu eingegraben und war unsichtbar. Und als sich der ganze Streuhaufen plötzlich rührte, kam es eben dazu. Sicher hat er das mit einem fröhliche Lachen quittiert.

In der Regel lebte er aber vom Wohlwollen der anderen. Seine Kleidung

bestand aus geschenkten, abgetragenen Stücken. Und so konnte es sein, dass seine „Wintergarderobe“ im Sommer dann an einem Nagel im Stadel hing. Dort blieb sie auch, wir wussten ja: Da „Poite“.

In der Gaststube, wo ihm am Morgen von uns immer ein „Weidling“ (Schüssel) mit Kaffee und mit viel Brot zum Einbrocken serviert wurde, musste er allein an einem Tisch sitzen, wegen seines Geruches. So war es auch, wenn Gäste da waren. Sein Bier bestand aus den „Noagaln“, die an­dere übrig gelassen hatten und vielleicht aus so mancher gespendeten „Hoibe“. Und manchmal hat es auch zu einem Räuscherl ausgereicht. Der „Poite“ schmetterte dann seine „Arien“ von seinem „Sperrsitz“ aus – nicht ganz ohne Talent. Für seinen Nikotinbedarf besorgte er sich die Kippen aus den Aschenbechern und dreht sich „eine“. Zwischendurch bediente er sich auch aus einem Dämpfer, wo die Kartoffel für die Schweinemast „ge­dämpft“ wurden. Nicht nur bei uns.

Der „Poite“ war ein Pflanzenexperte. Mit dem Schwammerl sammeln, dem Sammeln von Blumen und Kräutern, sowie dem Sammeln, Binden und Färben von Distelsträußen verdiente er sich, je nach Saison, ein paar Mark. Die Disteln färbte er bei uns im Waschhaus mit staubiger, roter Anilinfar­be. Da waren dann nicht nur die Distelköpfe rot, sondern auch sein Ge­sicht, die Hände und sein Bart. Dies störte ihn aber nicht. Wie er sagte, bie­te er seine Sträuße vornehmlich in Metzgereien und Bäckereien in Mün­chen an. Auf die Frage, warum denn gerade dort, verriet er sein Geschäfts­geheimnis: Dieser Kundenkreis kaufe am schnellsten, damit er möglichst umgehend den Laden wieder verließ. Warum, kann man sich denken. Hat­te er Geld, so kam es durchaus vor, dass er uns Buben ein Zehnerl schenk­te. Neidig war er nicht. Er lebte eben nach dem Motto: „Kimmt da Tog, bringt da Tog“. War er in München, schlief er manchmal im Obdachlosen­heim an der Pilgersheimerstraße. Ungern, wie er zu erkennen gab. Dort musste man sich ausziehen und waschen, die Freiheit war eingeschränkt. Und die war das höchste Gut des „Poite“.

Als wir 1951 von Peiß wegzogen, dauerte es nicht lange bis uns der „Poite“ in Ottersberg wieder „entdeckte“. Auch da war er dann immer wieder un­ser Gast – zu den gleichen Bedingungen. Sein zu ertragenes Handicap war unter anderem, nicht etwa sein fast zahnloser Mund, sondern sein Bruch, der ihm oft Schmerzen bereitete. Er konnte diesen immer wieder selbst zurück drängen. Alle guten Ratschläge, die man ihm, sicher auch in der Pil- gerheimerstraße, gab: „Lass dich doch operieren“, wurde von ihm mit dem Bemerken „geht scho wieda“ abgelehnt. Eines Tages, etwa 1959, kam der „Poite“ nicht mehr. Vielleicht hat er es einmal nicht mehr geschafft, sich

selbst zu helfen. Wo? Wie? Wir wissen es nicht. Wie er es gewünscht haben könnte: Unter Bäumen – neben Steinpilzen. So wie er immer unverhofft kam, jetzt eben nicht mehr.

Ja der „Poite“: Nicht einmal ein Foto gibt es von ihm, so selbstverständlich war er uns. Seine persönliche Freiheit ging im über alles. Ich glaube nicht, dass er je einen Antrag auf Hilfe oder Zuschuss gestellt hat.

Er war sicher ein kleiner Philosoph, der aus seinem Urteil und seinem Ge­fühl heraus lebte und dies auch mit seinem Alltag rechtfertigte. Immer in der Art des Zufriedenen. Er hätte uns „Emsigen“ sicher viel zu sagen ge­habt. Aber „Poites“ Ratschlag – damals? Und heute? Nach rund 70 Jahren – es hat sich nichts geändert.

Hans Obermair ist Heimatforscher. Er lebt in Glonn.

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Der Mann für alle Fälle

von Hans Obermair

Ignaz Gruber: Fremdenlegionär, Buchbinder und unvergessenes Glonner Original

Wenn man vor 100 Jahren nach dem „Gruber-Naz“ (Ignaz Gruber) fragte, wird es kaum eine Glonner Person gegeben haben, die ihn nicht persönlich kannte oder dem dieser Name nicht ein Begriff war. Gekannt hat man den „Naz“ nicht nur über seinen Buchbinderbetrieb, oder über

die vielen Sterbebilder, die man über Jahrzehnte bei ihm drucken ließ, oder die verschiedensten Drucksachen. Bekannt war er mehr von seinen Auslandsaufenthalten und den Geschichten, die er zu erzählen wusste – und das damals, als die meisten Leute nur kriegshalber über die Grenzen der Heimat gekommen waren.

Die Eltern waren 1863, wohl bei der Heirat, nach Glonn gekommen. Der Vater, auch Ignaz und in Haifing gebürtig, übte hier verschiedene Tätigkei­ten aus: Korbmacher, Gärtner, Rauhwarenhändler (Pelze und Felle), Buch­binder und zuletzt Gerber. Nachdem man das 1863 gekaufte Haus veräu­ßerte, kauft man 1877 Haus Nummer 48, in dem Sohn Donats Familie dann bis 1904 blieb. Der „Naz“ wurde 1864 in Glonn geboren. Er war der Älteste der insgesamt 14 Gruberkinder – acht sind bei der Geburt oder im Kindesalter verstorben. Soweit das Schicksal einer Arbeiterfamilie, wie es zu dieser Zeit nicht ganz selten war. Also eine Normalität.

Was nicht normal war, ist, dass der „Naz“ das Buchbinderhandwerk erler­nen durfte. Das spricht für seine Aufgeschlossenheit und Begabung. Noch dazu in München, als es in Glonn noch keine Bahn gab und man in der Re­gel beim Meister zu wohnen hatte. Oder: In München gab es ja ein Kol­pinghaus und Glonn hatte seit 1854 einen katholischen Gesellenverein. Pfarrer Späth oder sein Kaplan waren dessen Präses und hatte immer wie­der Begabte gefördert.

Nach der Lehre ging der „Naz“ auf die „Walz“, innerhalb Deutschlands und in die Schweiz, sowie nach Italien und Holland. Auch das spricht für eine Nähe zur Kolpingbewegung. Mit 24 Jahren, also 1888 „landete“ er aber bei der Französischen Fremdenlegion (international und freiwillig). Warum? War es Abenteuerlust? Wir wissen es nicht. Zunächst ist er in Afrika und dann in China. Auch die Malaria machte ihm das Leben schwer. Um 1891 flüchtete er. Gesucht als „Fahnenflüchtiger“, arbeitete er als Buchbinder auf den Philippinen.

Erst 1892 kam er wieder in Glonn an. Er wohnt im elterlichen Haus Num­mer 48. 1894 erwarb er in Glonn das Bürgerrecht. Ebenfalls meldet er in diesem Jahr, zusammen mit seinem Vater, im Elternhaus eine Buchbinde­rei und eine „Schreibmaterialienhandlung“ an. 1896 und 97 erweitert er, diesmal ohne Vater, sein Gewerbe um eine „Galantriewarenhandlung“ (modische Accessoires) und um eine „Druckerei für kleine Sachen“. Der Va­ter verstirbt 1898 und der Bruder übernimmt das Elternhaus. Dies war wahrscheinlich Anlass und Termin für den Umzug zum „Kramerschuster“ Johann Beham (heute Lena-Christ-Straße 20).

1894 heiratet er die aus Griesbach stammende und in Glonn arbeitende Gütlerstochter Franziska Marx. Er ist als Buchbinder und sie als Wäscherin (vermutlich in Zinneberg) in die Heiratsmatrikel eingetragen. Die vier Kin­der aus der Ehe, von 1894 bis 1899 geboren, sind, bis auf Juliane, nicht in Glonn geblieben. Valentin ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Vermutlich als die Kinder alle aus dem Haus waren, meldet Frau „Fanny“ 1908 die Wä­scherei an. Tochter Juliane blieb ledig und hat die Wäscherei der Mutter übernommen, als diese 1941 starb. Zu Büsings Zeiten hatte die Wäscherei viele Aufträge von Schloss Zinneberg.

Ungewöhnlich für Glonn war auch, dass der „Naz“ in einem aufgelassenen Steinbruch hinter dem früheren Glonner Krankenhaus eine Schnecken­farm betrieb. Es war wahrscheinlich die erste im rechtsrheinischen Bayern, wie wir aus einer Zeitung wissen.

Seine „Ware“ wurde nicht in Glonn verzehrt, sondern ging vielfach ins Aus­land. Das Interesse und die Erfahrung für diesen „Betriebszweig“ hatte der „Naz“ wohl der Fremdenlegion, in der ja französisch gelebt wurde, zu ver­danken. Auch der Erste Weltkrieg blieb dem „Naz“ damals schon 50 Jahre alt, in Frankreich und Russland nicht erspart.

Neben seinen Erlebnissen in Deutschland und im Ausland war der „Naz“ bis zu seinem Tod ein aufmerksamer Glonner Zeitzeuge. Seine Familie wohnte ja in der Nähe des Lena-Christ-Geburtshauses, und so konnte die Familie Gruber das Schicksal der Glonner Schriftstellerin aus nächster Nä­he miterleben und beobachten. Besonders Tochter Juliane, die 1989 mit fast 92 Jahren verstarb, konnte der Lena-Christ-Forschung gute Dienste er­weisen.

Seinen Bekanntheits- und Beliebtheitsgrad kann auch daraus abgeleitet werden, dass die Presse keinen runden Geburtstag des Ignaz Gruber über­sah. Daraus ergibt sich ein zuverlässiges Lebensbild dieses Glonner Origi­nals. Bis ins hohe Alter betrieb er selbst noch seine Buchbinderei. Nicht nur als „Erzähler“ ist der „Naz“ bei Stammtischen und Gesellschaften ge­fragt, sondern auch als Mitwirkender bei allerlei Veranstaltungen ist er ge­nannt. Immer wieder wird sein Humor hervorgehoben. Auch der „Haferlta- rok“ scheint das Seinige gewesen zu sein.

Auf alten Gruppenaufnahmen ist er immer wieder zu sehen. Also einer, der auf „allen Hochzeiten getanzt hat“. Nicht nur sprichwörtlich. Und so ist vermerkt, dass er selbst als hochbetagter Mann immer wieder auf dem Tanzboden zu sehen war.

Als Musikliebhaber war für ihn das Radio sein Medium. Sein Repertoire reichte vom modernen Schlager über Opern- und Operettenmusik bis hin zur Volksmusik, sowie den Hörspielen.

Bei der Nachricht zu seinem Neunzigsten war der „Naz“ noch beim Holz hacken abgebildet. Seine Aktivitäten und sein Interesse scheint das Ge­heimnis seines hohen Alters gewesen zu sein. 1956 im 93. Lebensjahr en­dete dieses Leben. Für damals uralt. Mit ihm ist viel Wissen um das alte Glonn mit ins Grab gegangen. Gott sei Dank hat der „Naz“ zu Lebzeiten gerne und viel erzählt.

Hans Obermair ist Heimatforscher in Glonn.

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Die Bank in der Kirche

von Hans Obermair

Die Bank in der Kirche

Wer im Gotteshaus wo saß, sagte in früheren Zeiten viel über seinen gesellschaftlichen Stand aus

Wem ist das noch nicht aufgefallen: Da kommt man in eine Kirche und sieht auf der Innenseite der Bänke in meist gleichen Höhen und Abständen Namen oder Zahlen über der Kniebank angebracht. Ent­weder auf das Holz direkt gemalt oder auch auf kleinen angebrachten Schildern, die aus Holz oder Metall sind. Die Namen sind in der Regel im­mer Hausnamen, für deren Besitzer oder Bewohner damit die Nutzung des Platzes während der Gottesdienste ausschließlich geregelt ist. Hausna­men deswegen, weil der Schreibname wechseln konnte und das festgeleg­te Platzrecht ja Teil des Hofes war.

Kirchen- und baugeschichtlich gab es bis Anfang des 16. Jahrhunderts in der Regel nur für den Klerus und Altardienst eine Sitzgelegenheit. In der Regel erst ab der Reformation gab es auch immer öfter Sitzgelegenheiten für die Gläubigen. Zunächst nur in den „evangelischen“ Gebieten. Wahr­scheinlich war die bessere Situation bei den „Protestanten“ auch Anlass, dass in katholischen Kirchen Sitzgelegenheiten installiert wurden. Vermut­lich dauerte es Jahrhunderte, bis alle „aufgerüstet“ waren. Sicher waren Kirchenneubauten oder zum Beispiel eine „Barockisierung“ der gegebene Anlass. Bei den Katholiken dürfte es von Anfang an die Sitz-Kniebank ge­wesen sein. Sonderformen gab es mit den sogenannten „Gitterständen“.

Ein oder mehrere Plätze zusammen waren mit einem Gitter abgegrenzt. Warum? Weil man keine Einsicht wünschte, oder weil man ganz einfach absperren wollte. Für die Geistlichkeit waren natürlich Platzbelegungen auch eine Möglichkeit zu sehen, ob ein Platz besetzt war oder nicht. Denn Plätze waren ja nicht willkürlich belegbar. Allenfalls innerhalb der Bankrei­he, damit die Belegung ohne „Geschiebe und Wechsel“ möglich war.

Kirchenstühle waren für die in der Regel hart arbeitenden Gläubigen eine wesentliche Verbesserung, damit waren diese auch etwas „wert“. So wird es möglich gewesen sein, sich bei der Erstausstattung entsprechend einzu­kaufen oder den Platz auf Zeit zu „mieten“. Die Mietvariante wurde zum Beispiel in Glonn bis in die 1950-er Jahre angewendet. Für die Belegung der Plätze in der gesamten Kirche galt grundsätzlich: Rechts die „Männer­seite“, links die „Weiberseite“. Jedes Anwesen hatte im Kirchenschiff auf beiden Seiten seine Plätze. Bei größeren Anwesen oft mehrere.

Der Schreibweise nach, gibt es in Glonn mindestens ab dem Bau der jetzi­gen Kirche (1768) Platzbelegungen. Sehen wir uns den Glonner „Bele­gungsplan“ von 1866 an, fällt auf, dass die „Besseren“ vorne platziert wa­ren. Schloss Zinneberg hatte in der ersten Reihe auf der Männerseite von den sechs Plätzen gleich vier belegt. Dazu weitere in den hinteren Reihen. Auch der Apotheker war ganz vorne. Die Glonner Müller waren in den ers­ten Reihen platziert. Sie hatten zudem das Privileg, wahrscheinlich schon über Jahrhunderte, den „Himmel“ bei Prozessionen zu tragen.

Glonn war von jeher ein Gewerbeort. Also waren die Handwerker und Ge­werbetreibenden auch mehr oder weniger „vorne“. Insgesamt standen in der Pfarrkirche im Langhaus auf allen Ebenen gut 300 Plätze für die Gläu­bigen zur Verfügung. An Sonn- und Feiertagen gab es drei Gottesdienste. Sodass die Plätze für die in Glonn wohnenden ausgereicht haben dürften.

Irgendwann haben die Pfarrer und/oder die Kirchenpflegschaften die Kir- chen-stühle zugeteilt. Dass dabei „Sein und Haben“ eine entscheidende Rolle spielte, ist offenbar. Und so sind diese Platzierungen auch ein Spie­gelbild der gesellschaftlichen Ordnung vergangener Zeit. Dass vordere Plätze „teurer“ waren, muss nicht gewesen sein. Wenn nicht, war dies erst recht ein Grund mit seinem hinteren Platz unzufrieden zu sein. Und wenn ein Geltinger Bauer, der keinen vorderen Platz hatte, sich bösartig äußerte: „Die Plätze seien nach der Größe des Misthaufens vergeben“, meint er da­mit, er habe sich doch „gut gemacht“ und sogar einige die vor ihm platziert sind, jedenfalls wirtschaftlich, überholt.

Einem Zimmermann mit kleiner Landwirtschaft habe es ein Leben lang „gestunken“, weil sein Platz „ganz hinten und der schlechteste“ war. Man muss dazu wissen, dass der Geltinger Kirchensprengel ein fast rein bäuer­licher war und hier der Grundbesitz die ausschließliche Rolle bei der Ver­teilung gespielt haben dürfte. Noch dazu gab es ein Sonderprivileg: Die Männer, die in den ersten vier Stühlen rechts außen saßen, waren an Fronleichnam die „Himmeltrager“.

Mittlerweile haben sich die alten Vorstellungen überlebt: Die vorderen Plätze sind nicht mehr die begehrtesten, sondern auch die am Ausgang. Die alten Kirchenstühle, die ja vom Boden her wegen des feuchten Unter­grundes dem Verfall preisgegeben waren, wurden auf entsprechend iso­lierter Unterlage ausgetauscht. In vielen Fällen konnten die „Wangen“, die häufig aus Flartholz waren, gerettet werden. Die alten beschrifteten oder beschilderten Kirchenstühleverschwanden damit zusehends. In Gelting war dies Anfang der 1970er Jahre und in Glonn kurze Zeit früher. Während in Gelting das Altmaterial vermutlich Brennholz wurde, wurden in Glonn Teile gerettet: Hans Eichmaier, Seilermeister und Bauzeichner, hatte eine „Pfundsidee“. Er machte daraus in seinem Haus eine Holzdecke. Und so konnte ihn womöglich der „Seiler“ von der Kirchenbank, also sein Vorfah­re, beim Schafkopf in die Karten schauen.

Hans Obermair ist Heimatforscher. Er lebt in Glonn.

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