Archiv für den Tag: 1. Februar 2022

Vom „Bierletzt“ und vom „Ganspaschen“

Ebersberger Zeitung/16.1.2021

von Hans Obermair

Zwei der am häu­figst gebrauchten Namen wa­ren im alten Bayern Georg (23.4.) und Michael (29.9.). Mag sein, dass dies, von Ge­gend zu Gegend verschieden, oft verbunden mit dem Kir­chenpatrozinium, auch auf Vornamen zutraf. Am ver­breitetsten waren diese bei­den Heiligen aber als Zeitbe­griff: So in vielen Übergabe­verträgen, in denen zum Bei­spiel ausgemacht war, das den Austräglern von „Georgi bis Michaele“ täglich ein Ei zu reichen sei.

Diese beiden Namenstage wurden also zu Stichtagen, zwischen denen die Hühner „Oar“ legten, oder es Grün­futter gab oder die Milch nicht so schnell sauer wurde! Aber auch in der Brauvor­schrift von 1539, in der vor­kam, dass wegen der Brand­gefahr eben von Georgi bis Michaeli kein Bier gesotten werden solle. Das Ende April für die kommende Periode letztmals gebraute Bier stell­te im Gegensatz zum Winter an die Lagerung erhöhte An­sprüche. Das im Winter in Kellern eingelagerte Eis war die eine Möglichkeit, eine an­dere war die Erdkühle, also die Lagerung in Erdkellern, möglichst in der Nähe der Brauerei. Die überdeckende Erdmasse bepflanzte man mit schattenspendenden Bäumen, häufig mit Kastanien.Die damit entstehenden Biergärten sind heute noch begehrte Aufenthaltsorte.
Wenn wieder gesotten werden durfte, sollten die La­gerfässer wieder leer sein. Ähnlich wie heute im Handel der Sommer- und Winter­schlussverkauf.
Nachdem aber ab Oktober eher weniger als mehr Bier über die Schänke ging, muss­te bei den Wirten ein Anlass geschaffen werden. Eben das „Bierletzt“ oder das „Alte Bier, wie es bis in unsere Zeit hieß. Ob dieses alte Bier dann billiger an den Mann ging, ist nicht nachgewiesen. Mögli­cherweise war es ob seiner Reife besser oder auch stär­ker. Der „Rausch“ konnte sich so verbilligen. Auf jeden Fall passten diese „Bierschlussverkäufe“ in die Jah­reszeit: Der Tag war schon kürzer, die Ernte war eingebracht und teilweise schon verkauft. Zudem bot der Herbst den Wirten und damit auch Gästen ein reicheres Speisenangebot.

Mit der Erfindung und Ein­führung der Kühlmaschine durch den Oberfranken Carl von Linde 1871 erübrigte sich die traditionelle Biersiederei von Michaele bis George zu­sehends. Erst die größeren und zunehmend auch die kleineren Brauereien kühl­ten ihr Bier jetzt technisch. Das Bierletzt aber war für die Wirte ein gutes Geschäft: Es überlebte bis in unserer Zeit. Die Termine im Herbst waren nicht mehr zwingend not­wendig und so verschoben sich die „Alten Biere“ bis in den Winter.
In der Gastwirtschaft mei­ner Eltern, beim Wirt in Ottersberg, wo ich miene Kindheit und Jugend verbrachte, war der traditionelle Termin immer um „Sebastiani“ (20.1.). Bei uns, wie auch bei den anderen Wirten in der Gegend dauerte es immer Sonntag und Montag. Einge­laden wurde mit Plakaten, die Geschäftsleute besonders mit Karten. Die kamen aber auch alle. Und die ließen sich nicht „lumpen“. Zweimal, ja dreimal Essen gehörte zum „guten Ton“, zumal sich die in der Küche tätige Wirtin dies auch von der Bedienung berichten ließ. Man merkte sich das.
Traditionell war das „Alte Bier“ zumindest in zahlrei­chen Gasthäusern des nördli­chen Landkreises Ebersberg mit dem sogenannten „Gans­paschen“ verbunden. Es wur­den da bratfertige Gänse aus­gewürfelt. Dieser, wahrscheinlich uralte, Brauch sei dadurch entstanden, so erzählte man es, dass die Bau­ern, die ihre Mastgänse im Spätherbst auf den Münch­ner Markt „auftrieben“ auf der Rückreise den unverkauf­ten Bestand per Würfelspiel an den Mann brachten.
Bei uns wurden allerdings keine Gänse „ausgepascht“, sondern Enten. Das hing da­mit zusammen, dass auf un­serem Hof eben Enten gemäs­tet wurden. Schon der Federn wegen. Einen Tag vor dem .Alten Bier“ geschlachtet, konnte die Ware nicht fri­scher sein. Der zweite Preis war ein selbstgemästeter „Gickerl“.

Wie lief das „Paschen“ ab: Soweit genügend Interessen­ten da waren, ging der „Pa­scher“, das war über Jahre lang ich, mit einem Notizheft von Tisch zu Tisch und forderte zum Mitspielen auf. Der Einsatz, zum Beispiel zwei oder drei Mark je Teilneh­mer, wurde kassiert und der Eintrag im Heft erfolgte. War die vorgesehene Teilnehmer­zahl erreicht, ging ich mit ei­ner Schüssel, einem Becher und drei Würfeln von Teil­nehmer zu Teilnehmer und ließ würfeln. Das Ergebnis zählte nur, wenn von den drei zwei Würfel die gleiche Zahl aufzeigten. Zwei solche Durchgänge waren Bedin­gung. Die Ergebnisse wurden notiert und zusammenge­zählt. Die höchsten Ergebnis­se entschieden über Ente oder Gockel. Anschließend ging der „Pascher“ zu den Sie­gern, kassierte seinen klei­nen Lohn und übergab einen Gutschein. Diese konnten dann bevor sie die Heimreise antraten ihren Gewinn in Empfang nehmen. In der Re­gel waren es Geschäftsleute, die die Gewinne heimtrugen – auch zwei oder drei Enten. Sie waren auch die, die sich am meisten beteiligten. Na­türlich wurde das von den Wirtsleuten vermerkt. An beiden Tagen konnten es durchaus 30 Enten und dazu jeweils ein Gockel sein, die so ausgespielt wurden.
Woher kommt der Begriff „paschen“. Es ist eben der al­te Name für ein Würfelspiel, der vom Französischen „pas­se“ kommen soll. Eine weite­re Deutung: „Pasch“ ist der Begriff für zwei gleiche er­spielte Zahlen.

 

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Artikel von Hans Obermair in Ebersberger Zeitung

14.7.2020         „Drinnahoiza-Draussahoiza“

10.10.2020       „i moa do scho a -Mundart“

16.01.2021        „Bierletzt u. Ganspaschen“

30.01.2021        „Lichtmeß-Schlenkeln“

19.2.2021          „da Moar und andere“

29.03.2021       „Wer war der Vater von Lena Christ“

19.05.2021      „Der Bauer und seine drei Herren“

1.6.2021          „Zurück zum Ursprung“

9.6.2021           „Ein Dreh zum Wohlfühlen“

15.06.2021      „Knedl und Kraut“

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17.8.2021          „Silber-Lukas: Das sind seine Vorgänger“

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4.1.2022           “ Die schlechte Zeit“

11.1.2022         „Die Bank in der Kirche“

25.1.2022         „Da Poite“ – der siebte Bua

8.2.2022           „Der Mann für alle Fälle“

21.1.2022         „Glonner Zechen und Greawinkler“

22.2.2022         „Abschied von einem Stück Geschichte“

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„Knedl und Kraut“

Ein Blick auf die Speisekarte bäuerlicher Familien anno dazumal

„Knell (Knödl) und Kraut – Null (Nudeln) und Kraut“ und so weiter. Diese monotone Sprechfolge konnte man nach getaner Arbeit in Dörfern durchaus hören, wenn den Jungen auf der Tenne das Tan­zen beigebracht wurde. Das Knell und Kraut – Null und Kraut war leicht im Dreivierteltakt zu sprechen und ersetzte den Musiker, der eben nicht überall zur Verfügung stand, zumindest nicht spontan.

Bis es aber Abend war, hatte man Knell und Kraut mindestens schon einmal zu sich genommen. Dieses „Paar“ war ein Hauptgericht in un­serer ländlichen Gegend.

Und so waren es auf einem größeren Bauernhof täglich an die hundert Knödel, die die Küche zu liefern hatte. Nach der Brennsuppe am Morgen und Knell und Kraut am Mittag, manchmal auch noch am Abend, wenn im Sommer auch manchmal als „Kalte Kuchl“, also kalt sauer gemacht.

Auch für Güte und Geschmack der Knödl galt das alte Sprichwort „Vo nix kimmt nix“. Weißbrot war zwar seltener, aber besser. Schwarzbrot, das auf den Höfen selbst hergestellt war, aber das, was am meisten verwendet wurde. Von wegen Brezen-, Speck- oder gar Leberknödel? Wichtig waren natürlich die Eier, die den Teig zu bin­den hatten. Und so gab es Bäuerinnen, die damit nicht sparten, aber auch die Anderen. Solches hat sich eben herumgesprochen, sodass dies für die Bewertung und den Ruf eines Arbeitsplatzes eine Rolle spielte.

Die „Herrschaft“ aß an einem extra Tisch. Das Personal am großen, oft runden, in dessen Mitte der „Dreihax“ stand, jenes Gestell, das für zwei Schüsseln übereinander Platz hatte. Und wenn auch noch Störleute, also zum Beispiel die „Noderinnen“ oder der „Sodler“ auf dem Hof waren, dann konnten es durchaus an die Zehn um den Tisch sein.

Nach dem Tischgebet begann der Oberknecht sich zu bedienen. Dann ging es je nach Rangordnung die Reihe um. Wie meine Mutter erzählte, sie war als Noderin Lehrdeandl und damit die Letzte, die mit dem Essen anfangen durfte. Manchmal ging sie deswegen hung­rig vom Tisch. Wenn der Oberknecht „den Löffel schmiss“ war die Mittagspause beendete. Er, der die Knödel viertelweise in den Mund schob und immer satt vom Tisch ging.
Fleisch gab es selten. Für die „Herrschaft“ sicher öfter. Von irgendwo her musste ja die Fleischsuppe kommen, die entweder eine „Rindene“ war oder eine „G‘ selchte, also vom Geräucherten stammte. In der Regel gab es Fleisch nur an Sonn- und Feiertagen und natürlich wenn der „Weihnachter“ also die „Sau“, die zum Fest geschlachtet war, für genügend Fleisch sorgte.

Die einzige Konservierungsart war die „Sur“ (Pökeln) und das Räu­chern, sodass, wenn es Fleisch gab, erst das frische, dann das Surfleisch und dann das Geräucherte an der Reihe war. Je nach Gegend gab es dann auch Nudel-, Schmalz- oder Kartoffel kost. Der jahres­zeitlich und regional unterschiedlich vorkommende „Tauch“ (Kom­pott) aus heimischen Obst und Beeren, wurde natürlich zu allen möglichen Gelegenheiten gereicht. Durch das Dörren im Backofen zu „Kletzen“ oder „Klouwan“ konnte so die Saison verlängert werden.

Dass in Glonn auf den Obstbau Wert gelegt wurde, zeigt, dass schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts vom Pfarrer ein „Pelzgarten“ ange­legt wurde. Die Schulkinder hatten hier das „Abpelzen“, also das Ver­edeln der Obstbäume, zu lernen. Übrigens: Die Speisen wurden auch, wenn diese nicht mehr so „frisch“ waren, mangels etwas Bes­seren, verzehrt. Bei einem Einwand mag es geheißen haben „sei net so hoakle (heikel)“. Da mag die heute bei uns noch gebräuchliche Re­dewendung „des war net schlecht“, anstatt „des war guat“ herkommen.

So wie alle Rohstoffe für die bäuerliche Kost vom Hof kamen, zuge­kauft wurden nur Salz, Zucker und einige Gewürze, war natürlich auch das Kraut selbst erzeugt. Entweder im eigenen „Wurzgarten“ am Haus, auf dem Acker oder im gemeinschaftlichen Krautgarten. Diese und die Krautfläche auf dem Acker nannte man auch „Gowas“ oder „Gabeß“. Wie es bei Schmeller heißt, sei der „Gabeß“ auch der Kopfkohl. Den gemeinschaftlichen Krautgarten, der in der Regel auch der Hasen wegen umzäunt war, legte man gerne in die Nähe eines Wassers. Hier hatte man Gelegenheit zum Gießen. So machten es auch einige Adlinger, die in der Nähe der Glonn, am Glonner Orts­rand, ihre Anlage hatten. Eben dort, wo man sowieso zur Kirche ging und sich gelegentlich mit Gemüse versorgen konnte. Schon 1810 war der Garten in einzelne Parzellen aufgeteilt und diese mit der Hausnummer versehen. Auch die Hausnummer des Pfarrers kam hier als einzige Glonner vor. So ist es nicht auszuschließen, dass die Adlinger Parzellen auf dem Grund des Pfarrers waren.

Was wurde in den Krautgärten, einer frühen Form der Schrebergär­ten, angebaut? Auf jeden Fall Weiß- und Blaukraut und „Dotschen“ (Steckrüben), die zu Kraut eingemacht, aber auch zum beliebten „Dotschntauch“ verwendet wurden. Das Weißkraut wurde fein ge­schnitten und dann in ein Fass mit Salz vermischt eingelegt. Gewür­ze wie „Kranawitt“ (Wacholder) konnten das Ergebnis verbessern.

Damit die Milchsäuregärung zustande kam, musste das Kraut luft­dicht „eingetreten“ und beschwert werden. So wird Sauerkraut auch heute noch gemacht. Ich erinnere mich jedenfalls, dass das „Eintre­ten“ als Bub meine Aufgabe war. Beim Vater auf dem Arm über dem fließenden Wasser die Füße gewaschen, wurde ich zum Krautfass getragen und waltete meines Amtes. Immer wieder mit Salz be­streut, hatte ich am Ende klinisch reine Füße. Dass die Krautkultur keine rein bayerische, sondern eine deutsche ist, beweist, dass wir bei den Amerikanern den Spitznamen „die Krauts“ haben, also die „Krautesset‘. Was soll’s – uns hat das Sauerkraut gut getan, ebenso wie den Tausenden von Seeleuten, die es vor Skorbut bewahrt hat. Und so hat das Sauerkraut auch mit geholfen, die Welt zu entde­cken.

Ebersberger Zeitung/Lokalteil/15.6.2021

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